Zitationsvorschlag für Schlüsseltext: Raab, Heike (2012): Intersektionalität und Behinderung – Perspektiven der Disability Studies. URL: www.portal-intersektionalität.de [Datum Zugriff]

Intersektionalität und Behinderung - Perspektiven der Disability Studies

 

von Heike Raab

 

Intersektionalität revisited

Intersektionalitätsforschung kann als ein Paradigma aktueller kritischer sozial- und kulturwissenschaftlicher Forschung verstanden werden. Der Begriff ist im Kontext der Diskussion um einer fast zwanzig Jahre andauernde Debatte über die erkenntnistheoretischen Grenzen feministischer Theoriebildung und die forschungspraktischen Begrenzungen geschlechtersensibler Gesellschaftskritik entstanden. Gleichwohl weist Intersektionalitätsforschung darüber hinaus und ist, im besten Sinne des Wortes, als ein theoriepolitisches Phänomen der Gegenwart zu verstehen. Im Zeitalter von Globalisierung, Migration, Neoliberalismus, Mediatisierung und Informatisierung des Sozialen als auch die sie begleitenden vielfältigen emanzipatorischen Kämpfe von Minorisierten (Frauen, Lesben, Schwule, Behinderte, MigrantInnen und sozial Deprivilegierten), in den allermeisten Ländern dieser Welt, scheint der Intersektionalitätsgedanke die hohe Komplexität, gegenseitige Bedingtheit und wechselseitige Abhängigkeit der nunmehr global-neoliberalen Weltordnung und deren neuen In-/Exklusionsprozessen - buchstäblich - widerzuspiegeln. Insofern steht Intersektionalität für die Vielzahl von Antagonismen die die Felder des Sozialen gegenwärtig durchziehen.

Mit Bezug auf Intersektionalität als wissenschaftlicher Forschungsansatz steht Intersektionalitätsforschung im Kontext eines nicht minder komplexen "Epistemological Turn" in den Sozial- und Kulturwissenschaften1. Insofern ist es nicht verwunderlich wenn der zunehmende Erfolg der Intersektionalitätsforschung von der Entstehung und Verstetigung neuer verschiedener wissenschaftlicher Ansätze (Gender-, Queer- Disability, Postcolonial- oder den Cultural Studies) begleitet wird. Sowohl die Gender- und Queer Studies wie auch die Disability-, Postcolonial- oder die Cultural Studies sind alle politische, transdisziplinäre Studiengänge zu den jeweiligen soziokulturellen Phänomenen: Während die Gender Studies aus einer feministischen Perspektive Geschlechterverhältnisse erforschen, steht die Analyse der heteronormativen Verfasstheit gesellschaftlicher Sexualitätsverhältnisse im Zentrum des Interesses der Queer Studies. Gemeinsam sind diesen Forschungsausrichtungen ihre Herkunft aus und ihre enge Verflochtenheit mit den jeweiligen sozialen Bewegungen. So haben sich die Gender Studies aus der modernen Frauenbewegung heraus entwickelt und die Queer Studies haben sich im Kontext der Homosexuellen- und Transgenderbewegung herausgebildet. Hingegen sind die Cultural Studies durch AkademikerInnen, welche überwiegend aus der Arbeiterklasse entstammten oder einen Migrationshintergrund hatten, entstanden. Insofern fokussieren die Cultural Studies auf Kultur als soziales Distinktionsmittel. Analog zum Erklärungs- und Analyseinstrumentarium der Gender- und Queer Studies sowie den Cultural Studies sind auch die Disability Studies im Kontext einer emanzipatorisch ausgerichteten sozialen Bewegung (Behindertenbewegung) entstanden und haben einen gesellschaftskritischen Anspruch. So untersuchen die Disability Studies Behinderung als soziokulturelle Problematisierungsweise und verstehen Behinderung nicht als Naturtatsache. Hingegen untersuchen die Postcolonial Studies nach (post-)kolonialen Einflüssen, Ein- und Ablagerungen in Politik, Kultur, Wissenschaft und Gesellschaft. All jenen Forschungsausrichtungen ist gemeinsam, dass aus der Perspektive von Betroffenen bzw. von Minorisierten (Frauen, MigrantInnen, Lesben und Schwule sowie Transgender, sozial Benachteiligte und Behinderte) Differenzverhältnisse und Achsen der Ungleichheit untersucht werden.2

 

Disability Studies

In der Tat ist für die Sichtweise auf Behinderung in den Disability Studies grundlegend, dass sie im Kontext der emanzipatorisch ausgerichteten Behindertenbewegung entstanden ist. Entsprechend wurde die Forschungsprogrammatik der Disability Studies von behinderten Wissenschaftler_Innen entwickelt (zu nennen sind etwa der britische Soziologe Michael Oliver und der US-amerikanische Sozialwissenschaftler Irving Kenneth Zola).

Ausgehend von diesem Entwicklungsverlauf läuten die Disability Studies einen Paradigmen- und Perspektivenwechsel in der Erforschung von Behinderung ein. Behinderung wird nicht mehr aus der Perspektive der Mehrheitsgesellschaft untersucht. Stattdessen gerät aus der Perspektive von Menschen mit Behinderung die Produktion, Konstruktion und Regulation von Behinderung durch die Mehrheitsgesellschaft in den Blickpunkt der Forschung. Damit wäre auch der erkenntnistheoretische Kern der Disability Studies genannt: Nämlich die Umkehrung der Perspektive in der Erforschung von Behinderung. Man könnte auch sagen, dass nicht mehr die Mehrheit auf die Minderheit schaut, sondern die Minderheit auf die Mehrheit.

Demzufolge sind die Disability Studies ein transdisziplinärer, behinderungsübergreifender Wissenschaftsansatz und fokussieren auf die Bedeutung von Behinderung als ein kulturelles oder soziales Phänomen. Grundlegend für diese Forschungsperspektive ist die Kritik an Vorstellungen von Behinderung als individual-biologisch-anatomischer Defekt und damit an der medizinisch-naturwissenschaftlichen Definitionshoheit über körperliche Differenz.

Für den deutschsprachigen Diskurs ist insbesondere die Disability Studies Theoretikerin Anne Waldschmidt prägend. Ihr Theorem vom "kulturellen Modell von Behinderung" findet zunehmend in den Sozial- und Kulturwissenschaften Beachtung. D.h. Waldschmidt hat mit Bezug auf die Cultural Studies einen "Cultural Turn" im akademischen Diskurs über Behinderung hervorgerufen3. Demgemäß schlägt Anne Waldschmidt, in Anschluss an die Cultural Studies, vor Behinderung als kulturelles Phänomen zu untersuchen. Denn mittels der kulturwissenschaftlichen Sichtweise, so Waldschmidt weiter, wird es möglich die soziokulturelle Eingebundenheit von Kategorisierungs- und Stigmatisierungsprozessen gleichermaßen in den Blick zu bekommen4.

Mit dieser in aller Kürze skizzierten Forschungsperspektive kann verdeutlicht werden, dass die Disability Studies gesellschaftliche Differenzverhältnisse und Ungleichheitsverhältnisse untersuchen, die in eine Kritik an der hierarchisch-normativen Ordnung des Soziokulturellen mündet5. Dies geschieht auf der Grundlage des erfahrungsbasierten Ansatzes der Disability Studies und fokussiert deshalb auf die Perspektiven der Betroffenen.

 

Intersektionalität und Disabiliy Studies

Demgegenüber hat Intersektionalität seine Wurzeln in der der innerfeministischen race/gender Diskussion und teilweise in der innerfeministischen Identitätsdebatte, welche durch Butlers Kritik an den epistemologischen Grundlagen des akademischen wie politischen Feminismus ausgelöst wurde. Im Mittelpunkt stehen Fragen zu dem Ausschluss von Differenz und Ungleichheit sowie das Verhältnis unterschiedlicher Differenz bzw. Ungleichheit generierender Achsen des Sozialen zueinander. Angesichts des begriffsgeschichtlichen Kontextes von Intersektionalität wird jedoch hauptsächlich um die theoriepolitische Konzeptionalisierung von Rasse, Klasse, Geschlecht in der feministischen Debatte um Pluralität, Heterogenität, Differenz und Ungleichheit gerungen. Bislang stehen Behinderung aber auch Heteronormativität zumeist nicht im Zentrum der Intersektionalitätsdebatte, auch wenn eine zögerliche Aufweichung der Triade Rasse, Klasse, Geschlecht zu bemerken ist6.

Eine Schwäche der durchaus verschiedenartigen Intersektionalitätsansätze ist folglich die systematische Nichtberücksichtigung der Triade Behinderung, Heteronormativität und Geschlecht. D.h. in der wissenschaftlichen Rezeption von Intersektionalität werden die Zusammenhänge von Behinderung, Heteronormativität und Geschlecht vernachlässigt7.

Vor diesem Hintergrund stellt sich für die Disability Studies hinsichtlich der Entwicklung eines intersektionellen Entwurfs die Frage nach der Relevanz spezifischer soziokultureller Differenzkategorien und deren unterschiedlichen Funktions- und Wirkungsweisen in spätkapitalistischen Gegenwartsgesellschaften. Welche Kategorien und soziokulturelle Faktoren benötigt also ein intersektioneller Forschungsansatz in den Disability Studies? Oder anders formuliert: Was sind die dominanten Scheidelinien einer Gesellschaft, wie entstehen sie und welchen Veränderungen sind sie unterworfen?

Deshalb bedeutet der Intersektionalitätsgedanke für die Disability Studies vor allem, zu erörtern, ob und inwieweit andere Analysekategorien jenseits von Behinderung relevant sind. In diesem Zusammenhang wird Behinderung als einzige zentrale Kategorie für Forschungsarbeiten im Bereich der Disability Studies relativiert. Mit Bezug darauf gilt es die Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Analysekategorien - wie z. B. Behinderung, Heteronormativität und Geschlecht - auszuloten. Vielschichtige, historisch bedingte Macht- und Herrschaftsverhältnissen betonend, basiert ein intersektioneller Ansatz in den Disability Studies ferner auf einem multiplen Behinderungsbegriff.

Meine erste These hierzu lautet, dass das von mir favorisierte Intersektionalitätsmodell zentrale Verbindungslinien zu einigen bereits entwickelten Varianten eines kulturellen Modells von Behinderung in den Disability Studies aufweist8. In diesem Zusammenhang lautet meine zweite These, dass es vor dem Hintergrund eines intersektionellen Zugangs von Behinderung, einer kritischen Reflektion der Definition von Behinderung bedarf. Ein überwiegend substantiell, homogen und naturalistisch gefasster Behinderungsbegriff sollte einem erweiterten, multiplen Behinderungsbegriff weichen. Multipel bedeutet in diesem Fall erst einmal ein Denken in Differenzen, das Dichotomien wie „normal/a-normal“ oder „behindert/nicht-behindert“ vermeidet bzw. dekonstruiert. Vielmehr steht die „Differenz der Differenz“ im Vordergrund, d.h. es geht um eine wissenschaftliche Denkweise, die Vielfalt jenseits von Dualitäten zum Ausgangspunkt nimmt. Ebenfalls beinhaltet ein multipler Behinderungsbegriff die Vielzahl von Behinderungsformen. Als Stichwort sei hier nur auf die Frage nach den Unterschieden und Gemeinsamkeiten von sichtbaren und unsichtbaren Behinderungsformen verwiesen. Als ein weiterer zentraler Aspekt berücksichtigt Intersektionalität folglich die internen Verflechtungen innerhalb der Kategorie Behinderung9.

Intersektionalität in den Disability Studies verstehe ich ferner als ein Plädoyer für ein Analysemodell, das mit mehreren, nicht hierarchisch angeordneten Analysekategorien operiert. In diesem Sinne halte ich es für unerlässlich, das Verhältnis von Behinderung, Heteronormativität und Geschlecht eingehend zu erforschen. Denn Behinderung, Heteronormativität und Geschlecht fungieren nach wie vor als maßgebliche Referenzsysteme und Ordungsprinzipien, die soziokulturelle, hierarchische Differenzen produzieren. Behinderung, Heteronormativität und Geschlecht sind daher als fundamentale Analysekategorien anzusehen, die sich nicht in abgetrennte Forschungsbereiche aufteilen lassen. So gesehen, verlangt das Thema Behinderung eine Herangehensweise, die nicht nur ökonomische, juridische, soziale und subjektivierende Verfahrensweisen des „behindert machens“ untersucht. Vielmehr bedarf es eines multiplen, transdisziplinären Behinderungsbegriffs, mit dem man u. a. erforschen kann, ob und inwieweit Behinderung durch Heteronormativität und Geschlecht konstituiert wird und umgekehrt10. Denn die Fokussierung auf Behinderung als Masterkategorie der Disability Studies blendet nicht nur andere Unterdrückungsweisen wie Homophobie, Sexismus und Rassismus aus; sie kann diese auch nicht theoretisch integrieren11. Mittels einer Fokussierung auf Behinderung als einzige Analysekategorie lässt sich beispielsweise nicht klären inwieweit vorherrschende Alltagsnormen und Diskurse von Gesundheit an Weis-Sein und heterosexuelle Maskulinität gekoppelt sind und wie dadurch womöglich umgekehrt Behinderung konstruiert wird.

Des Weiteren gilt es, vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Transformationsprozesse soziokulturelle Regulierungen von Behinderung ins Visier zu nehmen. Aus meiner Sicht liefert der Intersektionalitätsgedanke hierbei wichtige theoretische Bausteine für eine differenzierte Bestimmung der veränderten Vergesellschaftungsformen von Behinderung in spätkapitalistischen Gegenwartsgesellschaften. Intersektionalität in den Disability Studies beinhaltet demzufolge auch die Einbeziehung einer Analyseebene, die von einer komplexen Vielschichtigkeit gesellschaftlicher Macht- und Herrschaftsverhältnisse ausgeht. In diesem Punkt beziehe ich mich vornehmlich auf die Cultural Studies12. Deren Perspektive wird von einem fragmentierten, widersprüchlichen Kulturbegriff und die Betonung historisch spezifischer Macht- und Herrschaftsverhältnisse geprägt. Behinderung kann so im Kontext vielfältiger kultureller Formen und der sie bedingenden gesellschaftlichen Hierarchisierungen und Konflikte erforscht werden. Demnach sollte Behinderung als eine soziokulturelle Praxis erforscht werden, in der Macht und soziale Ungleichheit gleichsam eingelassen sind. In dieser Sichtweise ist Behinderung aber auch ein Modus, innerhalb dessen sich verschiedene soziale Gruppierungen ausdrücken und versuchen, durch Abgrenzungsprozesse Differenz hervorzuheben und zu behaupten. Auf diese Weise wird Behinderung ein vielstimmiges (plurales), stets umstrittenes und komplexes gesellschaftliches Terrain, das die Prozesshaftigkeit und Konstruktion von Behinderung sichtbar macht. Behinderung kann so als hochgradig differenzierte und vielfach gegliederte soziokulturelle Formation verstanden werden und nicht als ein homogenes Ganzes.

Für die Disability Studies scheint also die Entwicklung eines theoretischen Modells notwendig, das die Analyse sich vielfach durchkreuzender Differenzen und Hierarchien ermöglicht. Durch den von mir angestrebten intersektionellen Ansatz soll eine Vorgehensweise denkbar werden, die diese verschiedenen Aspekte, Dimensionen und Analyseebenen miteinander verschränkt: Erstens kann Behinderung dadurch als Analysekategorie dekonstruiert und dezentriert werden; zweitens kann die Kategorie Behinderung als Teil eines multikategorialen Forschungsdesign entworfen werden, das zudem unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen einbezieht; drittens lässt sich Behinderung als kulturelle Praxis verstehen, die innerhalb komplexer und widersprüchlicher Macht- und Herrschaftsverhältnisse - wie Heteronormativität und Geschlecht - repräsentiert wird; viertens schließlich wird es möglich, Behinderung als Zeichen und Ausdruck sich historisch bedingter, veränderlicher Vergesellschaftungsformen zu analysieren. Der erkenntnistheoretische Gewinn eines Intersektionalitätsmodells liegt somit, so eine weitere These, in dessen mehrdimensionalen Herangehensweise: Mit dieser Methode wird eine adäquate Einschätzung von Behinderung und deren Interdependenz mit anderen Vektoren der Macht in spätkapitalistischen Gegenwartsgesellschaften möglich. Zugleich eröffnet das Intersektionalitätsmodell eine neuartige kategoriale Bestimmung von Behinderung und begründet somit ein neues Forschungsfeld innerhalb der Disability Studies13. Wie fruchtbar eine intersektionale Analyse von Behinderung sein kann, möchte ich zum Schluß darlegen.

 

Behinderung, Heteronormativität und Geschlecht

Mit dem vorgestellten Intersektionalitätsmodell wird es möglich, die Wechselwirkungen zwischen Behinderung, Heteronormativität und Geschlecht als gegenseitige Hervorbringungsverhältnisse herauszuarbeiten und beispielsweise bezüglich von Körpernormen zu untersuchen.

Hier ist insbesondere auf die feministischen Disability Studies zu verweisen, die auf Überkreuzungslinien von Körper, Behinderung und Geschlecht eingehen. Beispielsweise plädiert Meekosha14 (1998) dafür, feministische Diskussionen um den minorisierten weiblichen Körper zum Ausgangspunkt einer Analyse des Verhältnisses von Behinderung und Geschlecht zu machen.

Analog dazu konkretisiert Rosemarie Garland Thomson dieses Anliegen. Die feministische Disability-Studies-Theoretikerin versteht Körper als Text, der mit kulturellen Deutungsmustern innerhalb gesellschaftlicher Machtverhältnisse aufgeladen und produziert wird15. Als normativer Maßstab gilt der gesunde männliche Körper. Von ihm werden alle weiteren körperlichen Variationen nach einem hierarchischen Gefälle abgeleitet. Innerhalb dessen kommt es zu einer Analogiebildung zwischen dem weiblichen Körper und dem behinderten Körper. Beide gelten als schwach, defizitär ausgestattet und deviant. Der weibliche behinderte Körper, so Garland Thomson, ist in diesem Zusammenhang das Produkt einer Triangulation. Denn behinderte Frauen fungieren nicht nur als Negativfolie gegenüber androzentristischen Normen. Sie fungieren auch als Gegenstück zu Weiblichkeitsnormen, das heißt gegenüber nicht-behinderten Frauen. Nicht zuletzt deshalb schlägt sie auch vor, die behinderte weibliche Figur als "intragender"-Position innerhalb der binär organisierten Geschlechterordnung zu verorten. Dies deshalb, weil aus ihrer Sicht behinderte Frauen nicht das gleiche Geschlecht wie nicht-behinderte Frauen haben.

Intersektionalität bedeutet hier einen Abschied von der Vorstellung, Behinderung fungiere als einziges stigmatisierendes Distinktionsmerkmal bzw. stehe grundsätzlich immer im Vordergrund. Vielmehr wird deutlich, wie Behinderung und Geschlecht als wechselseitige Konstitutionsprozesse am und im Körper wirken. Innerhalb einer hierarchisch organisierten somatischen Ordnung des Sozialen werden körperliche Variationen entlang von androzentristischen Körpernormen angeordnet.

Eine weitere Leerstelle in der Auseinandersetzung mit Behinderung ist, dass die Kritik der Queer Studies an der heteronormativen Verfasstheit der Kategorie Geschlecht nicht berücksichtigt wird. Die Analysekategorie Heteronormativität steht in den Queer Studies für ein Verständnis von Sexualität als zentrales gesellschaftliches Strukturierungsprinzip, welches die Dichotomie von Homo- und Heterosexualität als Fundament moderner Machtverhältnisse und Denksysteme begründet und stabilisiert.

Judith Butler17 bringt in diesem Zusammenhang normative Heterosexualität und die binäre Organisation von Geschlecht in eine konstitutive Beziehung. Mit dieser Perspektive hinterfragt sie die Natürlickeit der binär organisierten Körperlichkeit der Geschlechterdifferenz. Männlichkeit und Weiblichkeit, so Butler, sind an heteronormative Körpernormen gebunden und stellen eine soziokulturelle Zwangsordnung dar. Über dieses soziokulturelle System wird Geschlecht, bzw. der geschlechtlich bestimmte Körper, reguliert.

Durch die Perspektive der Disability Studies wird es möglich, weitere Facetten von Heteronormativität zu erfassen. Zwar konstituieren sich Zweigeschlechtlichkeit und Heterosexualität durch die soziokulturelle Organisation von Körper- und Geschlechtsnormen, wie Butler zu Recht darlegt, jedoch ist gerade Menschen mit Handicap oftmals das Scheitern an der Geschlechtsnorm qua Behinderung schon eingeschrieben. Infolgedessen wird das soziale Feld von einer Art verweigerter Geschlechtszugehörigkeit strukturiert.

Als ein weiterer Heteronormativität produzierender Schauplatz ist somit der Bereich der Behinderung zu nennen. Heteronormativität produziert und organisiert nicht nur Männlichkeit, Weiblichkeit und Homosexualität, sondern zugleich auch Formen von Asexualität und Ageschlechtlichkeit – wenngleich auch auf unterschiedliche Art und Weise: Während die Hetero-Homo-Dichotomie – als Heteronorm – die heterosexuelle Ordnung aufrechterhält, besteht im Falle von Behinderung die Gefahr, völlig von dieser binären soziokulturellen Organisationsstruktur ausgeschlossen zu werden18.

Aus der bisherigen Diskussion ergibt sich: Um die Vielschichtigkeit der somatischen Ordnung des Sozialen hinsichtlich der Organisation und Regulation von Behinderung zu erfassen, ist es nötig, die Triade Behinderung, Heteronormativität und Geschlecht als Forschungsansatz anzuwenden. Das heißt, erst mit einer intersektionalen Analyse von Behinderung können die in diesem Bereich relevanten Achsen der Ungleichheit und Differenz benannt, erforscht und verändert werden.

 

Anmerkungen

  1. Vgl. Raab, Heike, Für eine Epistemologie der Minderheiten? Die Queer-, Disability- und Gender Studies im akademischen Feld, in: Kulturrisse - Zeitschrift für radikaldemokratische Kulturpolitik, Heft 1/2011; Schwerpunkt: Queere De-/Konstruktionen: Von Abtragungen und Baustellen, S. 16-20.
  2. ebenda.
  3. Vgl. Waldschmidt, Anne (Hrsg.), Kulturwissenschaftliche Perspektiven der Disability Studies. Tagungsdokumentation. Schriftenreihe zum selbstbestimmten Leben Behinderter, Kassel 2003; Waldschmidt, Anne/Schneider, Werner (Hg.), Disability Studies, Kultursoziologie und Soziologie der Behinderung, Bielefeld 2007.
  4. Vgl. Anne Waldschmidt, “Behinderung revisited“ - das Forschungsprogramm der Disability Studies aus soziologischer Sicht, in: Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete, München 73. Jg., Heft 4/2004
  5. Vgl. Raab, Heike, Doing Feminism: Zum Bedeutungshorizont von Geschlecht und Heteronormativität in den Disability Studies, in: Kerstin Rathgeb (Hrsg.), Disability Studies: Kritische Perspektiven für die Arbeit am Sozialen, Wiesbaden, VS-Verlag (i.E. Januar 2012).
  6. Vgl. Raab, Heike: Shifting the Paradigm: "Behinderung, Heteronormativität und Queerness", In: Jutta Jacob, Swantje Köbsell, Eske Wollrad (Hg.): Gendering Disability - Intersektionale Aspekte von Behinderung und Geschlecht, Bielefeld 2010, S. 73-95; Raab, Heike, Fragmentierte Körper - Körperfragmente? Bewegte Körper im Spannungsfeld von Behinderung, Heteronormativität und Geschlecht, in: Nina Degele, Elke Gramespacher, Marion Mangelsdorf (Hrsg.), Gendered Bodies in Motion, Opladen 2010, Budrich Verlag, S. 143-163.
  7. Vgl. Raab, Heike, Intersektionalität in den Disability Studies: Zur Interdependenz von Disability, Heteronormativität und Gender, in: Werner Schneider, Anne Waldschmidt (Hrsg.), "Disability Studies, Kultursoziologie und Soziologie der Behinderung: Erkundungen in einem neuen Forschungsfeld". Bielefeld 2007, S.127-151.
  8. Vgl. Bruner, Claudia Franziska, KörperSpuren. Zur Dekonstruktion von Körper und Behinderung in biografischen Erzählungen von Frauen, Bielefeld, 2005; Waldschmidt, Anne, Disability Studies: Individuelles, Soziales oder kulturelles Modell von Behinderung, in: Psychologie und Gesellschaftskritik, 1/2005, S. 9-31.
  9. Vgl. Raab, a.a.O., 2007.
  10. ebenda.
  11. Vgl. Zander, Michael (2004): "Independent Living". In: W. F. Haug (Hg.): Historisch-Kritisches Wörterbuch des Marxismus, Band 6/II, Hamburg: Argument, S. 873-883.
  12. Vgl. Hall, Stuart, "Die zwei Paradigmen der Cultural Studies". In: Karl H. Hörnig/Rainer Winter (Hg.): Widerspenstige Kulturen. Cultural Studies als Herausforderung, Frankfurt 1999, S. 13-43; Hall, Stuart, Ideologie, Identität, Repräsentation, Hamburg 2004.
  13. Vgl. Raab, a.a.O., 2007
  14. Vgl. Meekosha, Helen, Body Battles: Bodies, Gender and Disability. In: Shakespeare, T. (Ed.): The Disability Studies Reader. Social Science Perspectives. London / New York: Cassell 1998, pp. 163-180.
  15. Vgl. Garland Thomson, Rosemarie, Integrating Disability, Transforming Feminist Theory. In: Smith, B. G. / Hutchison, B. (Eds.): Gendering Disability. New Brunswick / New Jersey / London: Rutger University Press 2004, pp. 73-107.
  16. Vgl. Garland Thomson, Rosemarie, Feminist Theory, the Body, and the Disabled Figure. In: Davis, L. J. (Ed.): The Disability Studies Reader. New York / London: Routledge 1997, pp. 279-295.
  17. Vgl. Butler, Judith, Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt 1991
  18. Vgl. Raab, a.a.O., 2007.

 

Zur Autorin

Heike Raab, Dr. phil., hat Politik, Soziologie, Geschichte und Erziehungswissenschaft in Giessen und Frankfurt (BRD) studiert. Promotion an der Universität Wien (Österreich) im Bereich Queer Studies. Sie forscht und lehrt derzeit an der Universität Innsbruck (Österreich) zu feministischen und queeren Disability Studies. Lehrbeauftragte an verschiedenen Universitäten in BRD und Österreich zu Themen der Gender-, Queer- und Disability Studies.

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