Für einen Kurswechsel in der Intersektionalitätsdebatte

 

von Cornelia Klinger

 

An der Art und Weise, wie der Terminus Intersektionalität in den Diskussionen der letzten zwei Jahrzehnte verwendet wird, lässt sich die Tendenz ablesen, mit Intersektionalität zu bezeichnen, wie sich (Diskriminierungs-)Erfahrungen unterschiedlicher Genese auf Wahrnehmung und Empfindung, auf Bewusstsein, Habitus und Handeln der Betroffenen auswirken, das heisst, wie die Zugehörigkeit zu (benachteiligten, randständigen oder ausgeschlossenen) Kollektiven und namentlich die gleichzeitige Zugehörigkeit zu mehreren solcher Gruppierungen von den Einzelnen erlebt wird, wie sie deren Identität prägt. Obwohl der Terminus Intersektionalität grundsätzlich auch für andere Weisen der Verwendung offen ist, erscheint es sinnvoll, diesem Trend folgend den Begriff Intersektionalität der subjektiven Ebene des Themas gesellschaftlicher Ungleichheit vorzubehalten.

Diese Ebene ist mit den "axialen Prinzipien gesellschaftlicher Strukturierung"1 verbunden, insofern als sich die gesellschaftlichen Strukturen im Erfahren und Erleben der Individuen niederschlagen – genauso wie umgekehrt das Denken und Handeln der Akteure die Entstehung und weitere Entwicklung von Strukturen beeinflusst. Eine notwendige Beziehung, ein wechselseitiges Beeinflussungsverhältnis bedeutet keine Identität; die beiden Ebenen gehen nicht nahtlos in einander auf. Aus diesem Grund ist eine terminologische Differenzierung sinnvoll, wie sie Patricia Hill Collins zwischen "interlocking structures of oppression" und "the metaphor of intersectionality" vornimmt und folgendermassen erläutert: "First, the notion of interlocking oppressions refers to the macro level connections linking systems of oppression such as race, class, and gender. This is the model describing the social structures that create social positions. Second, the notion of intersectionality describes micro level processes - namely, how each individual and group occupies a social position within interlocking structures of oppression described by the metaphor of intersectionality. Together they shape oppression"2.

Gewiss bestimmt das Sein das Bewusstsein. In diesem Sinn sind die Kategorien Rasse, Klasse und Geschlecht wichtige, unter bestimmten historischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen möglicherweise die wichtigsten Faktoren gesellschaftlicher Positionierung. Die Zugehörigkeit zu einem durch geschlechtliche, ethnische und klassenspezifische Merkmale bestimmten Kollektiv prägt Existenz und Identität, Fremd- und Selbstwahrnehmung der Person. Aber das Sein bestimmt das Bewusstsein nicht eins zu eins; vielmehr gilt, wie Evelyn Glenn feststellt: "… one cannot make a direct connection between particular structural conditions and specific forms of consciousness, identity, and political activity"3. Anders gesagt: Wenn Intersektionalität so aufgefasst wird, dass Fragen des Bewusstseins, der Erfahrung und der Befindlichkeit der Individuen im Mittelpunkt stehen, dann ist diese Thematik keineswegs auf die Kategorien Klasse, Rasse und Geschlecht beschränkt. Die Faktoren, die das jeweilige, je meinige Erleben bestimmen, können nach Art und Anzahl verschieden und vielfältig sein: Neben Geschlechts-, Klassen- und Volks(gruppen)zugehörigkeit - die selbstverständlich ebenfalls jeweils individuell unterschiedlich erlebt werden können - werden in den aktuellen Debatten um Intersektionalität oft weitere Faktoren genannt:

In den Debatten um Intersektionalität herrscht eine gewisse Ratlosigkeit im Hinblick auf die Frage, welche und wieviele Faktoren sich in den Erfahrungswelten von Individuen/ Gruppen in einer für ihre Diskriminierung bzw. Exklusion relevanten Weise überkreuzen. Am Anfang der Liste steht in der Regel die Trias race, class, gender, dann kommen -in variabler Reihenfolge- Sexualität, Alter, Herkunft und am Ende der Liste steht dann oft ein "und so weiter". Tatsächlich mag es noch viel mehr geben, was Wohlbefinden, Handlungsfähigkeit und Lebensweise beeinträchtigen, also die betreffende/ betroffene Person "diskriminieren", das heisst auf irgend eine Weise benachteiligen, behindern, zu kurz kommen lassen und leiden machen kann; Hässlichkeit zum Beispiel, permanent schlechtes Wetter, einengende Wohnverhältnisse, notorisch zänkische Mitmenschen oder falsche Ernährung.

Ich plädiere dafür, die Unabschliessbarkeit und Offenheit der Mikroebene in vollem Umfang anzuerkennen und zuzulassen. Denn die Leidenswege und Verhängniszusammenhänge, die in den feinsten Fasern und Fibern von Leib und Seele und ihren Verästelungen entstehen können, sind infinit und indefinit; sie entstehen mit jedem Individuum und mit jeder Gruppierung von Individuen neu und anders4. Vollkommen unabhängig von gesellschaftlichen Gegebenheiten und gänzlich unvorhersehbar sind sie zwar durchaus nicht, aber trotzdem bleiben sie unvorausnehmbar und unabschliessbar, also uneinholbar. Kurzum, das Partikulare und Individuelle ist geprägt von den axialen Prinzipien gesellschaftlicher Strukturierung, aber es geht in deren Bestimmung nicht vollständig auf. Und das ist auch gut so; denn in der Unvorausnehmbarkeit und Unabschliessbarkeit der Subjekte liegt das Potential zur Gestaltung und Veränderung der Systeme – die Voraussetzung der Wechselseitigkeit im Verhältnis zwischen Strukturen und Akteuren. Ganz ausdrücklich sei festgehalten, was sich eigentlich von selbst versteht und doch oft missverstanden wird5: Zwischen der Gesellschaftsstruktur und den AkteurInnen besteht keine Rangordnung.

Aufgrund der spezifischen Gegebenheiten der Mikroebene haben wir es im Hinblick auf Intersektionalität tatsächlich mit einer zwar keineswegs beliebigen, aber doch relativ grossen, in ihrer Kombination fast unendlich variablen und jedenfalls zukunftsoffenen Anzahl von Faktoren zu tun. Jeder Versuch, diese genau bestimmen oder gar beschränken zu wollen, ist von Anfang an zum Scheitern verurteilt. – Das gilt übrigens auch im Hinblick auf jene verbalen Manöver, die darauf abzielen, der prinzipiellen Unabschliessbarkeit konkreter Erfahrungen durch summarische Inkludierung Rechnung zu tragen. Die in der Intersektionalitätsdebatte beliebten, ja fast obligaten Hinzufügungen à la Und-So-Weiter ("and the like", "such as") mögen aus der guten Absicht resultieren, nur ja keinen Diskriminierungsfaktor auszulassen, um bloss kein benachteiligtes Kollektiv/Individuum auszugrenzen. Aus der Furcht, dass mit jedweder Benennung von etwas, etwas anderes "entnannt", also in den Hintergrund gerückt, verdeckt und damit unterdrückt werden könnte, entstehen ins Weite und Vage weisende pauschale Umarmungen, die ihren hehren Zweck nicht nur verfehlen, sondern geradezu ins Gegenteil verkehren. Im Effekt sind es vorauseilende Abwehrgesten gegen einen grundsätzlich unvorwegnehmbaren und unabweisbaren Einspruch. Bevor ein anderes selbst sich artikulieren könnte, ist es bereits inkudiert, wird die potentiell unendliche Fülle anderer und immer wieder anderer Lebens- und Leidenserfahrungen mittels rhetorischer Vereinnahmung schon unter "ferner liefen" subsumiert. Das grundsätzlich Neue des Partikularen und Individuellen wird damit auf den Status des "weiteren" vom selben reduziert, das "unlike" des anderen wird als "and the like" annektiert. Statt ein endliches Anderes konkret zu bezeichnen, wird so das Eine und Selbe verunendlicht. Jener alte Universalitätsanspruch kehrt unter negativem Vorzeichen zurück6. Damit wird die Problematik einander überkreuzender, sich wechselseitig konterkarierender oder verstärkender Unrechtserfahrungen, die unter dem Titel Intersektionalität zu verhandeln sind, weniger gelöst als verunklärt7. Mit anderen Worten, im Hinblick auf die Mikroebene der individuellen Erfahrungen, auf der das Konzept Intersektionalität sinnvolle Anwendung findet, ist die Unabschliessbarkeit ein unhintergehbares Faktum. Das ist anzuerkennen ohne dem durch vorgreifende Inklusion auszuweichen.

Wenn jedoch aus der Unabschliessbarkeit der Mikroebene auf die Unbegreifbarkeit der Makroebene geschlossen wird, dann liegt eine Verwechslung vor, die gravierende politische und gesellschaftstheoretische Folgen hat. Der Denkfehler besteht darin, vor lauter Differenz-Bäumen den Wald der Strukturen nicht richtig zu sehen. Verhängnisvoll ist das, insofern als die Resignation vor der Erkennbarkeit der Zustände aufgrund der unendlichen Fülle von Differenzen der Aufrechterhaltung der herrschenden Verhältnisse Vorschub leisten kann. Sandra Harding schreibt richtig: "Once essential and universal man dissolves, so does his hidden companion, woman"8. Aber ihre Schlussfolgerung: "We have, instead, myriads of women living in elaborate historical complexes of class, race, and culture", ist eine unnötig resignative Verbeugung vor der "neuen Unübersichtlichkeit". So ganz in den blauen Dunst zahlloser Differenzen lösen sich gesellschaftliche Macht- und Herrschaftsverhältnisse nicht auf. Es gibt in der Tat "Myriaden von Frauen", aber die "elaborate historical complexes" von Ungleichheit und Unterdrückung beschränken sich auf einige wenige.

Tatsächlich gelten für die Makroebene gesellschaftlicher Strukturierung andere Regeln. Hier hat die Offenheit für immer neue und andere Diskriminierungserfahrungen, die auf der Mikroebene nicht nur unvermeidlich, sondern für die weitere Entwicklung und Transformation von Gesellschaft fruchtbar ist, keinen Sinn. Es ist unzulänglich, wenn es beispielsweise in einem Papier, das als "background briefing on intersectionality" für die Vereinten Nationen gedacht ist, heisst: " … racism, patriarchy, class oppression and other discriminatory systems" create inequalities that structure the relative positions of women, races, ethnicities, classes, and the like"9. Welche anderen "discriminatory systems" sollen das sein? Welche anderen Ungleichheiten addieren sich zu den hier Genannten als "the like"?10 Selbst unter der Voraussetzung, dass behauptet werden soll, dass es neben "racism, patriarchy, class oppression" tatsächlich noch weitere "discriminatory systems" und folglich mehr als drei Achsen von Ungleichheit bzw. Herrschaft gäbe, wäre es notwendig, diese genau benennen. Schliesslich sollte das wohl auch möglich sein, denn für so vollkommen unbegrenzt, wie es die Überkreuzungen und Überschneidungen auf der Ebene der Subjektidentitäten sind, können auch jene BeobachterInnen die Zahl der "interlocking structures of oppression" nicht halten, die mehr als drei annehmen wollen. Zu einer gültigen und umfassenden Gesellschaftsanalyse und -kritik ist die Definition aller gesellschaftsstrukturierenden Prinzipien unerlässlich.

Genauerer Analyse bedarf es allerdings auch, wenn ausschliesslich von den drei Kategorien Klasse, Rasse und Geschlecht ausgegangen wird. Auch wenn nur bis drei gezählt wird, ist es mit der Aufzählung allein selbstverständlich nicht getan. Vielmehr müssen die den drei personalen Kategorien zugrunde liegenden "discriminatory systems" - in der Terminologie des "background briefing on intersectionality" heissen sie "racism, patriarchy and class oppression" - näher bestimmt werden: Warum sollen es nicht mehr als drei Herrschaftssysteme, und umgekehrt, warum sollen es nicht weniger als drei Achsen von Ungleichheit sein? So stellt sich erstens die Frage, was diese drei von anderen möglichen Kandidaten unterscheidet, wie und wodurch sie als "interlocking structures" mit einander zu eben dieser Trias verbunden sind. Zweitens muss begründet werden, wie und wodurch sie sich von einander unterscheiden, warum es also nicht etwa bloss um ein oder um zwei Herrschaftssysteme geht. Zur Beantwortung dieser Fragen finde ich in den um Intersektionalität geführten Diskussionen (auf ihrem derzeitigen Stand) wenig Anhaltspunkte. Den m.E. notwendigen Schritt von der Perspektive der Akteure zur Ebene der Strukturen und Systeme kann ich im Folgenden nur andeuten.

Zitationsvorschlag für Schlüsseltext: Klinger, Cornelia (2012): Für einen Kurswechsel in der Intersektionalitätsdebatte. URL: www.portal-intersektionalität.de [Datum Zugriff]

 

 

Sehr verkürzt zusammengefasst, sind jene Kategorien als Strukturkategorien zu bezeichnen, die sich auf die Aufgaben beziehen, die grundsätzlich jede Gesellschaft zu lösen hat: Das ist zum einen die Herstellung und Verteilung der Mittel zum Leben, die Regelung der Produktion und Distribution von Gegenständen und Gütern aller Art; zum anderen (im Übergang von der Ebene der Sachen/ Mittel zur Dimension der Menschen/ Zwecke) handelt es sich um die Erzeugung und Erhaltung des menschlichen Lebens selbst, die "Reproduktion der Gattung", die Lebenshaltung und Lebensführung12, die Regelung der alltäglichen menschlichen Beziehungen. Nicht jede, aber so gut wie jede komplexe und differenzierte Gesellschaft hat diese beiden, ihren Bestand sichernden Ordnungen herrschaftlich organisiert: Herrschaft polarisiert Befehl und Gehorsam, verteilt Nutzen und Lasten ungleich, impliziert Aneignung und Enteignung, Ausbeutung und Unterdrückung.

In der Ordnung der Dinge, die die Organisation der Arbeit regelt, die zur Herstellung der Lebens-Mittel notwendig ist, steht der Herr bzw. der Besitz/er (von Produktionsmitteln) über dem Knecht/ der Magd bzw. dem/ der Arbeiter/in. In der Ordnung des Lebens, die -unter anderem- die Organisation der Körper regelt, steht der Mann über der Frau, der Vater über dem Sohn bzw. die Eltern über den Kindern. Bei dem Versuch, auf diese Weise zwischen zwei Ordnungen und ihren Strukturkategorien zu unterscheiden, dürfen keine falschen Schnitte gelegt werden; vor allem gilt es das Missverständnis zu vermeiden, dass der Ordnung der Dinge ausschliesslich die Kategorie Arbeit, der Ordnung des Lebens dagegen ausschliesslich die Kategorie Körper zuzurechnen sei. Beide Ordnungen involvieren sowohl Arbeit als auch Körper - wenngleich auf unterschiedliche Weise. Bei der Herstellung von Lebensmitteln bzw. Sachen/ Gütern wird der Körper der Arbeitenden genutzt, benutzt, vernutzt, wohingegen der Körper der Herrschenden geschont, verschont, erhalten bleibt, indem er durch die Arbeit anderer erhalten wird. Unter dem Aspekt der Kategorie Körper liegt der Sinn von Herrschaft nicht in der Akkumulation von Macht oder Reichtum, sondern letztlich darin, dass sich ein Kollektiv/ Individuum im den Lebensprozess bestimmenden "Stoffwechsel mit der Natur" günstiger oder ungünstiger positionieren kann. Damit ist die Hierarchie von Kopf und Hand, Geist und Körper verbunden.

Während die Ordnung der Dinge darauf ausgerichtet ist, dass und wie Körper Sachen13 erzeugen, regelt die Ordnung des Lebens, die -ungleich umfassenderen und komplexeren- Verhältnisse, in denen menschliche Körper andere menschliche Körper hervorbringen. Bei dieser Art des Stoffwechselprozesses mit der Natur wird der weibliche Körper höherem Maße gebraucht, verbraucht als der männliche. Anders als im Hinblick auf die Produktion von Gütern ist die differente Positionierung von Menschen im Gattungsprozess tatsächlich kein gesellschaftliches Artefakt14, sondern eine Vorgabe der 'Natur'. Keine Vorgabe der Natur, sondern die Grundlage des die Ordnung des Lebens betreffenden Herrschaftsverhältnisses ist jedoch der Anspruch des männlichen Geschlechtskörper-Kollektivs auf Macht und Verfügungsgewalt über das 'Gut', das vom weiblichen Geschlechtskörper-Kollektiv hervorgebracht wird15. Hier liegt das Kunststück von Herrschaft darin, die differente Positionierung der Geschlechter, die der Frau einen grösseren Anteil an der Erzeugung der Nachkommenschaft gibt als dem Mann, und ihr daher eigentlich nicht nur mehr Pflichten, sondern zugleich auch mehr Rechte einräumen müsste, so zu konstellieren, dass sich der grössere Anteil der weiblichen Seite in erster Linie als Last niederschlägt, während der männlichen Seite aus der geringeren Beteiligung der hauptsächliche Nutzen erwächst. Die Hervorbringung des Lebens ist jedoch kein blosser Naturprozess, sondern involviert ebenso Tätigkeit/ Arbeit wie die Herstellung von Objekten. Sie bedarf ausserdem der Sprache und Kommunikation, also der Kulturleistung, so wie sie selbstverständlich auch für die Produktion und Distribution von Sachen erforderlich ist, freilich in geringerem Umfang als es für die Hervorbringung einer neuen Generation von menschlichen Subjekten erforderlich ist.

Zu Arbeit und Körper kommt als dritte Strukturkategorie Fremdheit hinzu. Unter diesem Titel geht es um den Anspruch des Einen/ Eigenen auf Herrschaft über das Andere/ Fremde. So gut wie keine herrschaftlich organisierte, auf Herrschaftserwerb, -erhalt und -ausdehnung angelegte Gesellschaft ist je ohne den An- und Ausgriff auf fremde Menschen und Dinge ausgekommen. Kaum jemals hat sich eine mächtige Gesellschaft allein auf der Grundlage ihrer eigenen, internen Ordnungen gründen und stabilisieren lassen. So gut wie jede herrschaftlich organisisierte Gesellschaft umfasst auch die Aneignungs- und Verfügungsgewalt über "fremde", das heisst dem eigenen (wie und wodurch auch immer als 'wir' definierten) Kollektiv nicht verwandtschaftlich abstammende, 'angehörige' Arbeits- und Lebenskraft, und/ oder die Ausbeutung nicht am eigenen Ort angesiedelter Ressourcen, nicht dem eigenen 'Boden' entstammender 'Schätze'. Mit anderen Worten, kaum eine Gesellschaft ist reich und mächtig geworden bzw. geblieben, ohne die Aneignung und Ausbeutung von Leben oder Gütern, die ihr nicht an/gehören – ohne Raub/Krieg. Auf dieser basalen Stufe hat Fremdheit kein weiteres, drittes Thema, sondern betrifft sowohl die Ordnung der Dinge als auch die Ordnung des Lebens, die im übrigen auch noch nicht strikt von einander geschieden sind.

Signifikant und spezifisch für die westliche Moderne ist weder das Entstehen noch das Vergehen dieser drei Arten von Herrschaftsverhältnissen. Vielmehr erfahren sie im Übergang von der stratifikatorischen zur funktionalen Differenzierung der Gesellschaft und der damit einhergehenden Entfaltung von Handlungsmöglichkeiten und Machtpotentialen, sowie infolge der Ausdehnung des Aktionsradius auf den gesamten Globus, eine enorme Erweiterung, die zugleich einen tiefgreifenden Gestalt- und Funktionswandel mit sich bringt.

Auf wesentlich älteren Grundlagen aufbauend entstehen in der sogenannten "Sattelzeit der Moderne"16 die Herrschaftsformen von Kapitalismus, (häuslichem) Patriarchat und Nationalismus (mit den Facetten Ethnozentrismus und Kolonialismus/ Imperialismus). Diesen drei Herrschaftsformen korrespondiert der Ausdifferenzierung von Ökonomie/ Markt, Politik/ Staat und Privatsphäre/ häuslicher Lebenswelt als Funktionssystemen der modernen Gesellschaft. Auf diese Herrschaftsformen und Funktionssysteme beziehen sich die drei personalen Kategorien Klasse, Geschlecht und Ethnizität/Rasse in ihren jeweils binären Unterscheidungen nach den Hinsichten von Kapital/Arbeit, Mann/Frau, wir/sie17. In dieser Rückbindung an die Strukturdimension müssen sie gesehen und analysiert werden, wenn sie nicht 'in der Luft hängen' und auf der Mikroebene als beliebige Faktoren unter anderen in Erscheinung treten sollen.

Aber so häufig und geläufig, ja nahezu inflationär, 'gebetsmühlenartig' in den Debatten der letzten Jahrzehnte von "race, class and gender" die Rede ist, so selten werden die Funktionssysteme und Herrschaftsformen in die Diskussion einbezogen. Einem neo-liberalen Trend in Richtung (Pseudo-)Individualisierung und Singularisierung folgend hat Theoriebildung in den letzten Jahrzehnten ganz allgemein eine problematische Wendung genommen: weg von Strukturen und hin zu individuellen Akteuren. Überdies rufen die Termini Kapitalismus, Patriarchat und Nationalismus unangenehme Erinnerungen an gesellschaftliche und politische Auseinandersetzungen längst vergangener Tage wach. Bereits zu der Zeit, als die Begriffe Kapitalismus, Patriarchat und Nationalismus/ Kolonialismus/ Imperialismus gebildet wurden bzw. in die politischen und theoretischen Debatten Eingang fanden, waren es strittige Begriffe – Kampfbegriffe in der Auseinandersetzung um die Durchsetzung der Verhältnisse, die sie bezeichnen bzw. mehr noch im Widerstand dagegen. Von Anfang an umstritten und problematisch, erscheinen sie heute als veraltet und überwunden. Hat das zwanzigste Jahrhundert denn nicht schliesslich die Katastrophe des Nationalismus/ Nationalsozialismus und den Niedergang der Kolonialreiche erlebt, ebenso wie einen langsamen und mühsamen, aber letztlich doch erfolgreichen Wandel der Geschlechter- und Generationenverhältnisse? Jedenfalls bei oberflächlicher Betrachtung befinden uns in einer Periode des Postkolonialismus und Postpatriarcha-lismus, wenn nicht überhaupt des Postfeminismus; auch von einer post-industriellen Gesellschaft ist die Rede. Trotzdem ist jeder/m kritischen Beobachter/in klar, dass die Herrschaftsverhältnisse von Kapitalismus, Patriarchat und Nationalismus/ Imperialismus bis in die Gegenwart weiter- und nachwirken, dass sie eher einen Formenwandel erfahren haben, als dass sie gänzlich verschwunden wären.

Um diesen Wandel zu verstehen, ist es erforderlich, an den Ausgangspunkt des Prozesses zurückzukehren und den Sinn der drei Kategorien historisch zu rekonstruieren. Das heisst aber nicht, einfach den Faden wieder aufzunehmen und den Film zurückzuspulen, um an einem in der Vergangenheit entwickelten Verständnis dieser Begriffe umstandslos anzuknüpfen. Denn in der Zeit, als sich die drei grossen "systems of oppression" herausgebildet und den Höhepunkt ihrer Entwicklung erreicht haben, hat eine umfassende Analyse ihrer Zusammenhänge nicht stattgefunden. Die Frage nach den "macro level connections" zwischen den drei "systems of oppression", also die Frage nach den Verhältnissen, in denen sie zu einander stehen, nach den Arten und Weisen, wie sie mit einander verbunden sind, wie sie in einander greifen ("interlocking"), ist damals nicht ernsthaft gestellt und in der Folge bis heute kaum zureichend beantwortet worden. Daher steht Gesellschaftstheorie heute nicht nur vor der Aufgabe einer historischen Rekonstruktion, sondern wir sehen uns mit dem Problem einer nachträglichen und nachholenden Analyse konfrontiert.

Über weite Strecken wurde n den gesellschaftstheoretischen Analysen der Nationalstaat als selbstverständlicher Bezugsrahmen angenommen19. Das hatte zur Folge, dass Nationalität als politisches Strukturprinzip im Hinblick auf die Konstituierung des 'Eigenen' nicht reflektiert wurde und dem entsprechend unproblematisch erschien. Sofern innerhalb des nationalstaatlichen Bezugsrahmens Konfliktlinien gesellschaftlicher Ungleichheit auftauchten, wurden sie fast ausschliesslich unter dem Aspekt Klasse thematisiert. Während die Probleme von Nationalismus, Ethnozentrismus, Kolonialismus und Imperialismus externalisiert wurden, das heisst weitgehend 'aussen vor', also ausgeblendet blieben, wurden die Probleme der Geschlechter- und Generationenherrschaft internalisiert, was gleichfalls auf Ausblendung hinausläuft. In entgegengesetzte Richtungen weisend sind Externalisierung ebenso wie Internalisierung auf die Naturalisierung gesellschaftlicher Konflikte angelegt: Innen, in der Privatsphäre scheinen die natürlichen Verhältnisse zwischen Menschen in ihrer Körperlichkeit, Sexualität, Generativität zu herrschen; aussen herrscht der Naturzustand des bellum omnium contra omnes oder gerade umgekehrt der paradiesische Zustand einer sonst längst verlorenen Unschuld.

Sofern die Vorherrschaft des männlichen Geschlechts vor dem weiblichen und der Kampf der Völker um Unabhängigkeit resp. Hegemonie und Dominanz also nicht überhaupt als gott- bzw. naturgegeben oder aus anderen Gründen für unvermeidlich und unverrückbar angesehenn wurde, um damit via Naturalisierungsstrategie von der politischen Bühne bzw. von der gesellschaftstheoretischen Agenda ausgeschlossen werden zu können, wurden die beiden Herrschaftsverhältnisse mindestens ansatzweise (und teilweise noch bis heute nachwirkend) auf das Klassenverhältnis zurückgeführt. Gegenüber der Strategie der Ausklammerung von Geschlecht und Nation/Ethnie mittels Naturalisierung bedeutet das zwar einen beachtlichen Fortschritt. Allerdings wurden die beiden anderen Strukturkategorien damit der dritten Kategorie, Klasse, untergeordnet: Damit wurden (und werden sie gelegentlich noch immer) einseitig aus der Perspektive des kapitalistischen Systems, das heisst im Hinblick auf die ökonomische Dimension gesehen bzw. mittels einer von der Klassenanalyse entliehenen Begrifflichkeit zu erfassen gesucht.

Ein weiteres Hindernis für ein adäquates Verständnis der Herrschaftsformen Kapitalismus, Patriarchat und Nationalismus/ Kolonialismus/ Imperialismus liegt darin, dass diese Konzepte jeweils nur im Hinblick auf ihr jeweils binäres Oppositionsverhältnis fokussiert wurden: Unter der Rubrik Kapitalismus adressieren Analyse und Kritik die bipolare Relation der Klassen, also das Verhältnis zwischen "Kapital" und "Arbeit". Analog dazu fokussiert das Konzept Patriarchat die Verhältnisse zwischen den Geschlechtern als "Mann" und "Frau", während ethnische Konflikte auf "wir" und "sie" im Koordinatensystem von Raum und Zeit bezogen werden. Die Tatsache, dass Kapitalismus, Nationalismus und Patriarchat heute so überholt und unzutreffend erscheinen, hat deshalb nicht allein damit zu tun, dass wir in einer Zeit leben, in der die durch sie bezeichneten Herrschaftsverhältnisse (so) nicht mehr bestehen. Auch davon abgesehen sind diese drei Strukturbegriffe von Anfang an mit dem Mangel behaftet, ausschliesslich die jeweiligen binären Relationen, also Kapital/Arbeit (oben/unten), Zentrum/Peripherie (innen/aussen) und Mann/Frau (aussen/innen) thematisieren.

Daher sind die Begriffe nicht erst jetzt ungültig geworden, sondern sie enthalten bereits in der Zeit, als die Herrschaftsverhältnisse, die sie bezeichnen sollen, ihren klassisch-modernen Zuschnitt erhalten haben, einen Konstruktionsfehler. Hierin liegt der eigentliche Grund des Problems: Die nachträgliche Analyse kann sich nicht darauf beschränken, die unzeitgemäss gewordenen Begriffe einfach nur dem Vergessen zu entreissen. Das Projekt der Rekonstruktion muss zu einer Neukonstruktion führen: Die ursprünglich nicht hinreichend gesehenen Verstrebungen zwischen den drei Säulen müssen in den Bauplan eingezeichnet werden – woraus sich schliesslich ein ganz anderes Bild des Gebäudes ergeben muss. Oder noch einmal anders gesagt: Es gilt ein begriffliches Wrack aus der Versenkung der Zeit zu heben. Im Zuge dieser Hebung muss jenes Gebilde zugleich auch umgebaut werden, damit so der inhärente Konstruktionsfehler be-hoben werden kann, der einstmals zum Untergang geführt hat – nur so lässt sich vermeiden, dass es abermals in der Versenkung verschwindet bzw. aus dieser gar nicht erst auftaucht.

 

 

Auf den ersten Blick scheinen die Voraussetzungen dafür günstig, ist doch mit der Debatte um Intersektionalität bzw. um die Trias race, class and gender, wie sie von den feministischen Diskussionszusammenhängen ihren Ausgang nimmt, zum ersten Mal ein Punkt erreicht, an dem nun endlich das Verhältnis zwischen den drei Strukturkategorien zum Vorschein kommen und zur Sprache gebracht werden könnte – würden nicht ausgerechnet in dem Moment, da sich diese Möglichkeit eröffnet, die bipolaren Relationen, in welche die drei Kategorien ja nach wie vor eingebunden bleiben, aus dem Blick geraten. Es scheint, als ob die BeobachterInnen gesellschaftlicher Ungleichheitsverhältnisse, die gerade anfangen, ihre Blindheit gegenüber den Relationen zwischen den drei Kategorien Klasse, Rasse und Geschlecht abzulegen, nun im Gegenzug taub würden für deren jeweilige binäre hierarchisch-herrschaftliche Konditionierung. Die drei personalen Kategorien race, class and gender werden also nicht nur durch die auf der Mikroebene unabweisbare Möglichkeit weiterer Determinanten subjektiven Erlebens und individueller Befindlichkeit verunsichert, sondern sie verlieren durch das Verschwinden ihres jeweiligen polaren Widerparts ihre Stellung im Bezugsrahmen eines Herrschaftsverhältnisses. Aus den polaren, hierarchisch gebundenen Positionen der Ungleichheit werden frei flottierende player im Spiel von Differenzen – ein Spiel, das höchstens noch als Machtspiel aufgefasst wird, während die Strukturen der Herrschaftssysteme aus dem Blick geraten20.

In der Folge geht der Trend dahin, sowohl in den Meinungsbildungs- und Entscheidungsfindungsprozessen der Öffentlichkeit als auch in der wissenschaftlichen Erforschung gesellschaftlicher Ungleichheit in erster Linie die jeweils benachteiligte Position der antagonistischen Relation zu thematisieren. Die 'da unten' arbeitenden Menschen sollen aufgerichtet und erhoben, die im familial-privaten Innenraum der Gesellschaft eingeschlossenen Frauen sollen zu öffentlicher Stellung und Funktion emanzipiert, die marginalisierten oder exkludierten ethnischen (ebenso wie anders definierte) Minderheiten sollen integriert werden. In der guten Absicht, Unrecht und Ungerechtigkeit sichtbar zu machen und den Anliegen der unterdrückten, marginalisierten oder ausgeschlossenen Gruppen Gehör zu verschaffen, rücken diese nun zwar ins Zentrum der Aufmerksamkeit21; da ihnen jedoch scheinbar keine herrschende/n, privilegierte/n Gruppe/n mehr gegenüber steht/stehen, geraten die Benachteiligten in eine Art Sonderstellung. Statt in einem Herrschaftsverhältnis zu stehen, statt durch eine "Herrschaft" unterdrückt, ausgebeutet, marginalisiert oder exkludiert zu werden, sehen sich die Unterdrückten, Ausgebeuteten, Mariginalisierten und Ausgeschlossen mit der Norm und Normalität22 einer grundsätzlich gerecht eingerichteten und hauptsächlich richtig funktionierenden Gesellschaft konfrontiert, der gegenüber sie als mit einem spezifischen Problem behaftet zu sein scheinen, mit einer Art - sei es fremd-, sei es selbstverschuldeter 'Behinderung', einem 'handycap', das es mit wohlfahrtsstaatlich-sozialtechnologischen Mitteln zu bearbeiten gilt, sofern es nicht letztlich doch als Schicksal an- und hingenommen werden muss. Es ist offensichtlich, dass diese Sicht der Dinge ausserdem auch auf die alte Priorisierung des "methodologischem Nationalismus" und die mit diesem einhergehende Priorisierung der Kategorie Klasse hinausläuft. Die mit der Kategorie Geschlecht verbundene Problematik wird auf die Integration von Frauen in die Bereiche und Belange der Öffentlichkeit reduziert (gender mainstreaming) und in Bezug auf die Ethnizitätsthematik verengt sich der Blick auf Migration – das Drama der erschreckend fest gefügten, auf Gewalt gegründeten globalen Herrschaftspyramide erschöpft sich im diversity management.

Aus der Verschiebung der Perspektive - weg von jeweils bipolaren Verhältnissen und hin zur einseitigen Fokussierung der jeweils 'benachteiligten' Position - ergibt sich ein weiteres Problem. Während die Beziehungen zwischen den Subjekten und Objekten von personaler Herrschaft in den Hintergrund gedrängt werden, rücken nun die Beziehungen zwischen den Benachteiligten ins Blickfeld. Auch das mag auf den ersten Blick wünschenswert und positiv erscheinen, tatsächlich aber führt diese Fokussierung auf die Relationen zwischen den in den binären Herrschaftsverhältnissen jeweils "unten" Platzierten in eine falsche Richtung. So wird etwa der Frage, in welcher Kombination die Elemente von race, class and gender einen grösseres oder geringeres Mass an negativen Effekten und dementsprechend an Ungerechtigkeit und Leid erzeugen, grosse Aufmerksamkeit zuteil. Meines Erachtens ist diese Frage nach einer Unterscheidung zwischen verschiedenen Arten und Graden von Ungleichheitsverhältnissen zwar durchaus möglich, das heisst, es handelt sich sowohl um eine legitime als auch mindestens partiell und sogar einigermassen leicht beantwortbare Frage23. Trotzdem sind die Auf- und Abrechnungsversuche zwischen unterschiedlichen Diskriminierungen, die regelmässig in eine Art race to the bottom zwischen den benachteiligten Positionen münden, sinnlos. Eine Bedeutung hatte dieser negative Rangstreit allenfalls in der von der marxistischen Theorie inspirierten Suche nach einer "Klasse des universellen Leidens" bzw. nach einem Standpunkt, der - von eigenen Herrschafts- und Besitzerhaltungsinteressen unberührt - als privilegierter Erkenntnisstandpunkt und Ausgangspunkt von Befreiung fungieren können sollte. Nachdem dieser Versuch mit dem Kollektiv "Proletariat" längst kläglich gescheitert war, wurde er mit dem Kollektiv "Frau" noch einmal wiederholt - mit demselben negativen Resultat24.

Alles in allem scheint mir ein Kurswechsel in der Intersektionalitätsdebatte dringend geboten zu sein. Diese setzt zwar am richtigen Punkt an; aber ihre Bewegung geht in eine falsche Richtung, wenn - in bester moralischer Absicht - die Erfahrungswelten von multipel Benachteiligten erkundet werden sollen. Ohne Bezug zu den Herrschaftsverhältnissen und ihren Strukturkategorien, in deren Zusammenhang sie stehen, können die individuellen Erfahrungen lediglich als subjektive Befindlichkeiten und partikulare handycaps erfasst werden – daran vermag der gute Wille, das hohe moralische Pathos, von dem die Debatte getragen wird, nichts zu ändern. Eine adäquate und produktive Beschäftigung mit dem Thema Intersektionalität setzt die die Bergungsarbeit auf der Makroebene, an den Strukturkategorien voraus, die Lösung der schwierigen Aufgabe, in der doppelten Bewegung von Hebung und Drehung einen kategorialen Umbau zu bewerkstelligen.

Mir scheint, dass der male-mainstream gegenwärtig eine grössere Bereitschaft zu einer grundsätzlichen Revision der Herrschaftsformen der Moderne an den Tag legt und die in der Gegenwart radikal geänderte globalgesellschaftliche Situation zwar nicht besser erfasst, aber schneller nutzt. Die Überwindung des methodologischen Nationalismus steht auf der Agenda vieler Autoren, getragen von der Absicht Prozesse der Globalisierung zu verstehen. Die Externalisierung der Kategorien Ethnizität, Nationalismus, Rassismus wird nachhaltig in Frage gestellt und überwunden. Und spätestens seit dem eklatanten Sichtbarwerden der ökonomischen Krise im Jahr 2008 steht auch der Begriff Kapitalismus wieder auf der Agenda von Theorie und Kritik. Die Frage nach der Kategorie Geschlecht hingegen verkommt in ihrer neoliberalen und gouvernementalen Vereinnahmung zum gender-mainstreaming. Dagegen wäre eine gründliche Revision der historischen Kategorie Patriarchat, samt ihren verschiedenen Nach- und Folgewirkungen, vielleicht nicht die einzige, aber die vordringlichste Aufgabe einer feministischen Gesellschaftstheorie. Die den personenenbezogenen Kategorien Klasse, Ethnizität und Geschlecht korrespondierenden Strukturen (Kapitalismus, Nationalismus, Patriarchat) müssen als eine integrierte (interlocking) und zugleich differenzierte (intersecting), und insgesamt herrschaftlich organisierte Gesellschaftsformation verstanden werden, und zwar als eine Formation, die bereits seit ihrer Konstituierung im Prozess der Moderne auf ein Weltsystem angelegt ist und in der Gegenwart diesen Entwurf definitiv realisiert.

 

Anmerkungen

  1. Dazu genauer Cornelia Klinger/ Gudrun-Axeli Knapp/ Birgit Sauer (Hg.): Achsen der Ungleichheit. Zum Verhältnis von Klasse, Geschlecht und Ethnizität. Frankfurt: Campus 2007.
  2. Patricia Hill Collins: Symposium on West and Fenstermaker's "Doing Difference". In: Gender & Society 9/4, 1995. S 491-513 (hier S. 492).
  3. Glenn, Evelyn N., The Social Construction and Institutionalization of Gender and Race: An Integrative Framework. In: Ferree, Myra Marx/ Lorber, Judith/ Hess, Beth (Eds.), Revisioning Gender. Walnut Creek: Altamira Press 2000. S. 3-43 (hier S. 12).
  4. Dasselbe gilt selbstverständlich auch für die positiven Energien menschlicher Kreativität und Fantasie. Da es im Zusammenhang des Themas Intersektionalität um Diskriminierungserfahrungen geht, stehen hier die negativen Aspekte im Vordergrund. Zum Motor gesellschaftlicher Veränderungen können indessen sowohl positive als auch negative Motive werden.
  5. Das Missverständnis wird durch die Verwendung von Termini wie Makro- und Mikro-Ebene, die ein hierarchisches Verhältnis nahelegen (können) begünstigt. Und gewiss besteht ein Machtgefälle zwischen der Dimension der AkteurInnen und der Strukturen. Auch wenn es auf der einen Seite zutrifft, dass die AkteurInnen sind, die die Strukturen schaffen und verändern, so gewinnen die sich akkumulierenden und verfestigenden Strukturen dennoch unweigerlich Macht über die AkteurInnen. Adorno hat öfter auf dieses ambivalente Ungleichgewicht zwischen AkteurInnen und Strukturen hingewiesen: "Soviel ist wahr, daß das Verhängnis auf Menschen, auf menschliche Gesellschaft zurückweist und von Menschen sich wenden ließe. Unwahr aber ist, daß es unmittelbar an den Menschen liege, … damit die in allen Fugen ineinander gepasste und darum aus den Fugen geratene Welt wiederum in Ordnung komme" (Adorno, Theodor W.: Individuum und Organisation (1953). In: Soziologische Schriften I. Gesammelte Schriften Bd. 8. Hg.v. Rolf Tiedemann. Frankfurt: suhrkamp 1997. S. 452). "Die Abschaffung des Leidens oder dessen Milderung … steht nicht bei dem Einzelnen, der das Leid empfindet, sondern allein bei der Gattung" (Adorno, Theodor W.: Negative Dialektik. Gesammelte Schriften Bd. 6, a.a. O., S. 203). Aber trotz allem begründet die ungleiche Machtbalance zwischen Einzelnem, Besonderem und Allgemeinen keine Hierarchie.
  6. Der Universalitätsanspruch ist ein 'Erbstück' der bürgerlich-aufklärerischen Emanzipationsbewegung, das alle folgenden Bewegungen (Arbeiterbewegung, Frauenbewegung, Bürgerrechtsbewegungen, Befreiungsbewegungen) einerseits kritisieren, andererseits übernehmen und sich auf diese Weise -absichtlich oder unabsichtlich- in die Nachfolge der modernen Emanzipationsidee einreihen, um potentiell von jeder weiteren Bewegung ihrerseits sowohl kritisiert als auch beerbt werden zu können.
  7. Diese Strategie erinnert mich an den Altar, den die Athener dem unbekannten Gott errichtet haben (vgl. Paulus Apg. 17,23: "Ich bin umhergegangen … und fand einen Altar, auf dem stand geschrieben: Dem unbekannten Gott.") Das ist eine hilflose, gewiss gut gemeinte, aber doch zugleich - unter negativem Vorzeichen - vereinnahmende Geste und so immer noch eine Machtstrategie.
  8. Sandra Harding, The Instability of the Analytical Categories of Feminist Theory, In: Sex and Scientific Inquiry. Ed. by S. Harding/J.F. O'Barr. University of Chicago Press 1987. S. 284 f.).
  9. Center for Women's Global Leadership, Working Group on Women and Human Rights www.cwgl.rutgers.edu (17.8.2007).
  10. Bedauerlicherweise glaubt auch Patricia Hill Collins eine solche verunklärende rhetorische Geste machen zu müssen, wenn sie von "systems of oppression such as race, class, and gender" spricht.
  11. Es geht im Folgenden um Strukturen statt um Akteure, das heisst es geht um gesellschaftliche Institutionen und ihre Funktionen, so dass hier die Frage nach Funktionen, eine funktionalistische Perspektive sinnvoll ist, die sich in Hinblick auf Akteure verbietet.
  12. Es scheint mir sinnvoll zwischen Lebenshaltung und Lebensführung zu unterscheiden, um zu einem differenzierteren Bild des Konzepts "Leben" zu gelangen. Unter Lebens(er)haltung würde ich die materiellen Aspekte der Ernährung und Pflege subsumieren; mit Lebensführung (oder Lebensgestaltung) bezeichne ich die Dimension der Normen und Regeln, des Habitus, der Sinn- und Zweckgebung des Lebens (und Sterbens).
  13. Sachen können sowohl anorganische als auch organische Objekte sein (also Pflanzen oder Tiere, jedoch im Sinne von (Lebens-)Mitteln also mit dem Status von Objekten).
  14. Freilich hat es an Versuchen, auch die Differenz zwischen Herr und Knecht aus der Natur abzuleiten bzw. zu naturalisieren nie gefehlt. Grundsätzlich wird für jedes Herrschaftsverhältnis die Verankerung in der 'Natur' gesucht, um seine Unverrückbarkeit behaupten zu können. Unterschiedlich ist lediglich der Grad der Plausibilität dieses Arguments zu verschiedenen Zeiten.
  15. Die Strategien zur Durchsetzung dieser der Evidenz des generativen Prozesses eklatant widersprechenden Verteilung des Anteils der Geschlechter sind vielfältig. Zum einen sind es rechtliche Strategien, die dem Vater die Verfügungsgewalt über die Nachkommen zusprechen (Vaterrecht). Zum anderen wird der Vorrang der Vaterschaft vor der Mutterschaft mit Argumenten legitimiert, die aus einem die Naturabläufe betreffenden Wissensdiskurs gewonnen werden. Im Diskurs von Naturphilosophie und Naturwissenschaft wurde der Anteil des weiblichen Geschlechts am Zeugungsprozess bis ins 19. Jahrhundert hinein systematisch minimiert.
  16. vgl. Reinhart Koselleck, Einleitung zu: Otto Brunner /Werner Conze/ Reinhart Koselleck (Hg.): Geschichtliche Grundbegriffe Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Bd.1. Stuttgart: Klett-Cotta 1979. S. XV.
  17. Es ist wichtig zu betonen, dass alle drei binären personalen Zuordnungen 'leer' sind, dass sie weder reale Körper noch ideale Wesenheiten bezeichnen, dass ihnen weder Materialität noch Essentialität zukommt, sondern dass sie ausschliesslich Funktionen und Relationen benennen. Bei Kapital/ Arbeit ist der Bezug zur Funktion deutlich sichtbar, bei wir/sie ist der relationale Charakter offenkundig. Bei der Funktion/ Relation Mann/Frau ist dagegen das essentialistische oder materialistische Missverständnis besonders naheliegend.
  18. Wendy Brown spricht von "mantra.
  19. Ulrich Beck spricht von "methodologischem Nationalismus" vgl. Ulrich Beck: Macht und Gegenmacht im globalen Zeitalter. Neue weltpolitische Ökonomie. Frankfurt: suhrkamp 2002. Kritisch zu diesem Begriff, aber in der Sache ähnlich vgl. Reinhard Kreckel: Soziologie der sozialen Ungleichheit im globalen Kontext [Vortragsmanuskript]; vgl. zuletzt Michael Bayer/ Gabriele Mordt/ Sylvia Terpe/ Martin Winter (Hg.): Transnationale Ungleichheitsforschung. Eine neue Herausforderung für die Soziologie. Frankfurt: Campus 2008. Der methodologische Nationalismus verhindert die Auseinandersetzung mit dem Phänomen- und Problemkomplex Nationalismus auf ähnliche Weise wie die Dominanz des männlichen Geschlechts die Auseinandersetzung mit dem Phänomen- und Problemkomplex Geschlecht verhindert.
  20. Die Verschiebung des Gewichts von Herrschaft auf Macht in der neueren politischen Philosophie und Theorie hat dazu nicht unerheblich beigetragen; dazu ausführlicher Cornelia Klinger: Macht - Herrschaft - Gewalt. In: Politikwissenschaft und Geschlecht. Konzepte-Verknüpfungen-Perspektiven. Hg.v. Sieglinde Rosenberger/ Birgit Sauer. München/ Wien: UTB 2004.
  21. Infolgedessen werden Begriffe wie "Aufmerksamkeit" oder "Anerkennung", die der Dimension der Zivilität und Politesse angehören, zu Instrumenten gesellschaftstheoretischer Analyse aufgewertet. Es entsteht eine höchst filigrale Feinfühligkeit gegenüber Diskriminierungen aller Art, die um so mehr moralisch aufgeladen wird, je weiter sie sich von politischen und gesellschaftstheoretischen Problemstellungen entfernt und sich damit dem status quo unterwirft.
  22. Das Bestreben die Dominanzposition dadurch zu sichern, dass ihr der Schein von Normalität und Universalität verliehen wird, ist nicht neu. Noch lange bevor die gegenwärtig zu beobachtende Tendenz zur Anonymisierung und Verschleierung der Herrschaftsrelationen eingesetzt hat, war es gängige Praxis, die dominante Position nicht als solche, sondern als allgemein gültige und selbstverständliche darzustellen oder noch besser ihre Darstellung möglichst zu vermeiden, um dagegen die unterlegene Position in ihrem partikularen Charakter, zum Beispiel als "Frauenfrage". "Arbeiterfrage", "Minderheitenfrage" zu exponieren. in der einen oder anderen Form lässt sich diese Strategie im Hinblick auf alle drei Herrschaftsverhältnisse verwenden. So gesehen spielt die in der Intersektionalitätsdebatte beobachtbare Tendenz, statt des Verhältnisses zwischen herrschenden und beherrschten Klassen, Ethnien und Geschlechtern - in bester Absicht - vorrangig die Seite der Unterdrückten zu fokussieren, der Tendenz zu einer "Anonymisierung der Macht" in die Hände, die bereits seit langem im Gang ist (vgl. Helmuth Plessner, Die Emanzipation der Macht. In: Gesammelte Schriften V: Macht und menschliche Natur. Frankfurt: suhrkamp 1981. S. 279).
  23. Trotz berechtigter Kritik an solchen Rechenübungen scheint mir die Feststellung richtig, dass sich die Benachteiligungen von Klasse, Rasse und Geschlecht in der Position der sozial unten stehenden, nicht-weissen Frauen addieren, so wie Vorrechte in der Position der männlichen Mitglieder der weissen, besitzenden Klasse akkumuliert werden. Dagegen ist das Abgleichen von Nachteilen und Vorrechten zwischen Klasse, Rasse und Geschlecht auf den mittleren échelons ebenso schwierig wie unnötig. Der Zusammenhang, der zwischen den drei Herrschaftssystemen Kapitalismus, Nationalismus und Patriarchat besteht, macht die Frage nach einer Rangordnung auf der Ebene der intersections von Klasse, Rasse und Geschlecht irrelevant.
  24. Unter dem Titel der "feminist standpoint epistemologies" hat der Glaube an eine Privilegierung des Erkenntnisstandpunkts der Unterdrückten auch in der feministischen Theoriebildung noch eine Weile fortgewirkt: "The standpoint of the oppressed provides ... the basis for a view of reality that is more impartial than that of the ruling class and also more comprehensive", (Alison Jaggar: Feminist Politics and Human Nature. Brighton/Totowa, NJ 1983. S. 370). An die Stelle des Proletariats als Subjekt des bevorzugten Erkenntnisstandpunkts treten hier die Frauen, da diese die vom Marxismus der Arbeiterschaft zugeordneten Merkmale in noch höherem Maße aufweisen bzw. deren Unterdrückung noch umfassender ist: "The feminist standpoint which emerges through an examination of women's activities ist related to the proletarian standpoint, but deeper going. Women and workers inhabit a world in which the emphasis is on change, rather than stasis, a world characterized by interaction rather than separation from nature, a world in which quality is more important than quantity, a world in which the unification of mind and body is inherent in the activities performed" (Nancy Hartsock: The Feminist Standpoint: Developing the Ground for a Specifically Feminist Historical Materialism: In: S. Harding/M. Hintikka (eds.): Discovering Reality: Feminist Perspectives on Episemology, Metaphysics, Methodology and the Philosophy of Science. Dordrecht 1983. S. 283-310. S. 290). Kritisch dazu vgl. Bat-Ami Bar On, Marginality and Epistemic Privilege. In: Linda Alcoff/ Elizabeth Potter (Eds.): Feminist Epistemologies. London/ New York: Routledge 1993. S. 83-100; und noch einmal neu aufgerollt: Harding, Sandra (Ed.): The Feminist Standpoint Reader: Intellectual and Political Controversies. London/New York: Routledge 2004).

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