Methode

Schritt nach vorn

 

Dauer: 75 Minuten

Autor_in/ Organisation: Diese Methode ist von der Anti-Bias-Werkstatt entwickelt und von GLADT e.V. im Projekt «HeJ – Handreichungen für emanzipatorische Jungenarbeit» erweitert worden. Sie kann frei eingesetzt werden. Über Feedbacks freuen wir uns! Kontakt: info[at]GLADT.de.

Zielgruppe: Jugendliche ab 14 Jahren, Erwachsene

Material: Anlage «Identitätsbausteinchen» und eine Kopie der Anlage mit den Fragen (siehe Downloadmöglichkeit am Ende der Seite).

Lernziele/Verwendungsmöglichkeiten:

Kurzbeschreibung: Diese Übung dient dazu, gesellschaftliche Ungleichheitsverhältnisse, Privilegierungen und Deprivilegierungen zu verdeutlichen und für ungleiche Chancenverteilung in der Gesellschaft zu sensibilisieren.

 

Durchführungsschritte/ Instruktionen:

Vorbereitung:

Die vorgeschlagenen Identitätsbausteinchen sind in vier Gruppen geteilt (Anlage I: Herkunft, Alter und sexuelle Orientierung; Anlage II: Bildungsgrad, Beruf; Anlage III: Religion/Weltanschauung und Geschlecht; Anlage IV: körperliche Beeinträchtigungen und sozialer Status). Hierbei handelt es sich um einen Vorschlag. Sie müssen je nach Zusammensetzung der Gruppe verändert oder ergänzt werden. Wichtig ist, dass möglichst viele Differenzlinien (wie: Geschlecht, Staatsangehörigkeit, Alter, Herkunft, sexuelle Orientierung, Hautfarbe, Bildungsgrad, sozialer Status etc.) angesprochen werden. Auch die vorgeschlagenen Spielfragen (siehe Arbeitsblatt «Spielfragen») sollten an die jeweilige Gruppe bzw. das Thema, um das es vorrangig gehen soll, angepasst werden. Es hat sich bewährt, etwa 15 Fragen zu stellen.

Ablauf der Übung:

Alle Teilnehmer_innen ziehen jeweils eine Rollenkarte aus den vier Kategorien. Die Zusammenstellung ergibt die Rolle, in die die Teilnehmer_innen für die Übung schlüpfen werden. Die Teilnehmenden sollen sich in ihre Rolle hineinversetzen. Zur Unterstützung können sie die Augen schließen; Sie können folgende oder ähnliche Fragen stellen, um den Prozess zu beschleunigen: – Wie heißt du? – Wie war deine Kindheit? – Wie sieht dein Alltag aus? – Wo lebst du? – Was machst du in Ihrer Freizeit?

Die Karten sollen niemandem gezeigt werden, es soll auch kein Gespräch über die «neue» Identität stattfinden. Nun stellen sich die Teilnehmer_innen in einer Reihe an einer Wand des Raumes auf. Kündigen Sie an, dass nun eine Reihe von Fragen gestellt wird. Alle, die in ihrer Rolle eine Frage mit «Ja» beantworten können, bewegen sich ein Stück vor. Antworten sie dagegen mit «Nein» oder wissen die Antwort nicht bzw. sind sie unsicher, so bleiben sie wo sie sind. Es geht bei der Beantwortung der Fragen um eine subjektive Einschätzung, die wichtiger ist als sachliche Richtigkeit.

Stellen Sie nun der Reihe nach die Fragen. Lassen Sie den Teilnehmenden nach jeder Frage einen Moment Zeit, um die Frage für sich im Stillen zu beantworten, und fordern Sie sie dann auf, sich ggf. ein Stück nach vorne zu bewegen. Stellen Sie alle Fragen, die Sie ausgewählt haben. Die Teilnehmer_innen bewegen sich schweigend nach vorn oder bleiben am Platz. Sie sollen dabei ihre Rolle immer noch für sich behalten. Wenn alle Fragen gestellt sind, bleiben die Teilnehmenden für den ersten Teil der Auswertung in ihrer Rolle an ihrem Platz.

Auswertung – Phase 1:

Die Auswertung erfolgt zunächst an dem Ort, wo die Teilnehmenden in ihrer Rolle verblieben sind. Fordern Sie sie auf, ihre eigene Position für sich selbst zu reflektieren:

Nachdem sich die Einzelnen zu ihrer Position geäußert haben, werden sie gebeten, ihre Rolle den anderen in der Gruppe vorzustellen. Die hinten Stehenden bemerken meist schnell, dass sie zurückbleiben, während die Vorderen häufig erst zum Schluss bemerken, dass andere nicht mitkommen. An dieser Stelle sollte darauf hingewiesen werden, dass auch in der Realität denjenigen in privilegierten Positionen häufig ihre Privilegien so selbstverständlich sind, dass sie sie überhaupt nicht wahrnehmen, wohingegen diejenigen in marginalisierten Positionen ihre Deprivilegierung meist alltäglich spüren.

Auswertung – Phase 2:

Für den zweiten Teil der Auswertung sollten die Teilnehmer_innen ihre Rollen «abschütteln», «ausziehen» oder «abstreifen» und «wegwerfen», um aus den Rollen herauszukommen. Die weitere Auswertung findet im Stuhlkreis im Plenum statt. Allgemein

Abschluss:

Subjektive Möglichkeitsräume: Auch wenn durch soziale Positionierungen bestimmte Handlungsspielräume durch Privilegierung und Deprivilegierung (Benachteiligung) festgelegt sind, haben Individuen dennoch die Möglichkeit, ihre Positionen unterschiedlich zu nutzen, denn strukturelle Begrenzungen schließen individuelle Möglichkeitsräume nicht aus. Allerdings sind trotzdem nicht alle «ihres Glückes Schmied», denn unterschiedliche strukturelle Ausgangspositionen haben starken Einfluss auf die individuellen Handlungsspielräume.

Hinweise/ Was ist zu beachten?

Bitte achten Sie sehr darauf, dass die Teilnehmer_innen wissen, dass es sich hier um eine subjektive Einschätzung handelt, nicht um sachliche Richtigkeit! Die Übung kann eigene Erfahrungen von Ausschluss und Handlungsbeschränkungen ins Gedächtnis rufen. Deshalb sollte genügend Zeit für die Auswertung eingeplant werden, um unterschiedliche Erfahrungen, deren Bewertungen und Konsequenzen diskutieren zu können.

 

Wichtige Rahmenbedingungen: 12–25 Teilnehmende. Der Raum muss genug Platz dafür bieten, dass sich alle Teilnehmer_innen in einer Reihe aufstellen können und sich von dort aus mindestens 8 m nach vorn bewegen können .

Erfahrungen und mögliche Schwierigkeiten: Die hier vorgeschlagenen Rollen sind zum Teil klischeehaft. Einerseits kann dadurch das Einfühlen erleichtert werden. Andererseits werden Rollenklischees durch die Rollenbeispiele wiederholt und nicht aufgebrochen. Stellen Sie Ihre eigenen Bausteinchen her! Einzelne Rollen, die entstehen, können auf den ersten Blick sehr unrealistisch sein. Thematisieren Sie in diesem Fall, wie untypisch einige Identitäten nun einmal sind.

Im Anschluss an die Auswertung kann die Übung ein zweites Mal durchgeführt werden, wobei die Teilnehmenden keine Rollenkarten bekommen, sondern in ihrer eigenen Person die Fragen beantworten. Auf diese Weise kann die eigene gesellschaftliche Positionierung und die damit einhergehende Macht der Teilnehmenden herausgearbeitet werden. Zudem können je eigene Handlungsspielräume deutlich gemacht werden. Wenn die Gruppe groß genug ist, kann die Gruppe sich auch kreisförmig aufstellen und bei der Hand fassen. Fragen, die mit «Ja» beantwortet werden können, führen dazu, dass die Teilnehmer_innen in Richtung Mitte fortschreiten. Ab einem bestimmten Zeitpunkt wird es dazu kommen, dass einige fühlbar zurückgelassen werden müssen.

Bezug Intersektionalität: Die Verschränkung von Herrschaftsverhältnissen wird räumlich sichtbar und erfahrbar gemacht und somit besprechbar. Die Methode basiert darauf, dass verschiedene gesellschaftliche Verhältnisse in den Fragen thematisiert werden. Neben individuellen Handlungsstrategien sind gesellschaftliche Kategorien über Generationen hin wirksam. Hier liegen die Hinweise auf die historische Dimension von Unterdrückung und Privilegierung. Die Fragen nach den aufkommenden Gefühlen sind zum einen Teil einer Sensibilisierung für gesellschaftliche Dominanzverhältnisse und verweisen zugleich darauf, dass z.B. individuelles schlechtes Gewissen nicht weiter hilft, sondern Veränderungen gesellschaftlicher Verhältnisse notwendig sind.

Schlagworte: Intersektionalität, Mehrfachzugehörigkeit, strukturelle Gewalt

Link/PDF-Download: http://hej.gladt.de/archiv/2009-12-15-Methode%20Ein%20Schritt%20nach%20vorn.pdf

Einstellungsdatum: 07.03.2012

Kommentare

zurück zur Übersicht