Forschungsprojekt

Verdacht auf 'Scheinehe'. Intersektionelle Analyse staatlicher Konstruktionen von 'Schein-' bzw. 'Aufenthaltsehe' und ihrer Auswirkungen im Fremdenpolizeigesetz 2005

 

Projektdurchführende: Irene Messinger, irene.messinger[at]univie.ac.at

Projektzeitraum: 2006 - 2011

 

Kurzdarstellung:

Die politikwissenschaftliche Dissertation beschäftigte sich erstmalig in den Sozialwissenschaften mit der österreichischen rechtshistorischen Entwicklung sowie dem aktuellen Thema der Kriminalisierung von Schein- und Aufenthaltsehen im Fremdenpolizeigesetz (FPG) 2005.

Erforscht wurden daher zum Einen Diskurse staatlicher Akteure und juristische Strategien seit dem NS-Ehegesetz 1938 über migrationspolitischen Restriktionen bis zur aktuellen strafrechtlichen Relevanz und zum Anderen ihre Auswirkungen im FPG 2005 hinsichtlich des Verdachts und der Kontrolle vermuteter Aufenthaltsehen. Beide Schwerpunkte wurden in Hinblick darauf analysiert, welche intersektionelle Unterdrückungsmechanismen dadurch wirksam werden (konnten).

Als Datenmaterial wurden etwa 100 Erhebungsbögen der Wiener Fremdenpolizei, 60 Gerichtsakten von Verfahren wegen des Eingehens einer ‚Aufenthaltsehe‘ und über 20 ExpertInneninterviews mit Personen in Leitungspositionen staatlicher Akteure (Innen-, Justizministerium, Fremdenbehörden, Standesämter, usw.) generiert und in der Auswertung mittels Methodentriangulation miteinander in Beziehung gesetzt.

Im rechtshistorischen Längsschnitt konnte eine Vorstellung von Ehelichkeit rekonstruiert werden, in der sich Macht- und Geschlechterhierarchien verfestigen konnten und die zudem durch institutionelle Abwehr von ‚Fremden’ geprägt war.

Hinsichtlich der aktuellen Kriminalisierung im FPG 2005, stellte Geschlecht bei der Selektion der Verdächtigten und den Gerichtsfällen die primäre Differenzkategorie dar, sie kann aber nur mit sich überlappenden Ausgrenzungen wie Staatsangehörigkeit, Klasse und Aufenthaltsstatus in ihrer Komplexität sichtbar gemacht werden. Am Beispiel zweier statistisch auffälliger Gruppen - Ehen zw. Österreicherinnen und Nigerianern sowie zwischen SerbInnen und eingebürgerten ÖsterreicherInnen serbischer Herkunft - konnten die unterschiedlichen Zuschreibungen und verschieden wirkenden, diskriminierenden Faktoren aufgezeigt werden. Die für diese Untersuchung ergänzend eingeführte Kategorie des Aufenthaltsstatus zeigt ihre Relevanz darin, dass insbesondere Ehen von Asylsuchenden als ‚Aufenthaltsehen’ diskreditiert wurden.

Die deutschsprachige Theoriegeschichte der Intersektionalität wurde um frühe und erstmals recherchierte Interventionen von MigrantInnen aus Österreich bereichert und ihre Beiträge für die abschließende Analyse genutzt. Es wurde ein intra- und intersektionaler Ansatz gewählt, der die Machtverhältnisse sowohl innerhalb einer Kategorie als auch miteinander in Beziehung setzt.

Die mehrfach ausgezeichnete Dissertation erscheint überarbeitet im Herbst 2012 in der Reihe „Kritik&Utopie“ im Verlag Mandelbaum unter dem Titel „Schein oder Nicht Schein“.

 

Projektart: Abgeschlossene Dissertation

Inter-/Disziplinäre Zuordnung: Politikwissenschaften, Schwerpunkt Rechtsgeschichte.

Stichworte: Scheinehe, Aufenthaltsehe, österreichisches Fremdenrecht, Kriminalisierung, Kategorie Aufenthaltsstatus

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