Forschungsprojekt

Zur Bedeutung von Fachkulturen für Studierende aus nicht-akademischen Elternhäusern - Eine Analyse von Bildungslaufbahnen in den Rechtswissenschaften an zwei deutschen Hochschulen

Projektdurchführender: Henning Koch

Projektart: Dissertation im Arbeitsgebiet Interkulturelle Hochschulforschung der Universität Bremen

Kurzdarstellung: Anhand einer qualitativen Fallstudie nimmt sich dieses Dissertationsprojekt vor, das Verhältnis zwischen Studierenden aus nicht-akademischen Elternhäusern1 und ihren Hochschulen zu untersuchen. Dabei setzt es einen Fokus auf die Rekonstruktion von hochschulischen Bildungslaufbahnen von Studierenden aus nicht-akademischen Elternhäusern und untersucht den Einfluss von Fachkulturen auf die Studienerfahrungen des Einzelnen. Dazu werden neben den Organisationskulturen von zwei kontrastiv ausgewählten Hochschulen, die dort angesiedelten rechtswissenschaftlichen Fachkulturen erforscht, charakterisiert und insbesondere auf soziale Schließungsmechanismen gegenüber Studierenden aus nicht-akademischen Elternhäusern hin analysiert. Dabei berücksichtigt das Forschungsvorhaben auch, wie sich die beiden diversitätsrelevanten Kerndimensionen Geschlecht und Migrationshintergrund in Zusammenwirkung mit der Herkunft aus einem nicht-akademischen Elternhaus auf die Studienerfahrung in den rechtswissenschaftlichen Fachkulturen auswirken.

Dies ist ein aktuelles, soziopolitisch relevantes Forschungsfeld, da sich das deutsche Hochschulwesen im europäischen Vergleich für sozioökonomisch schlechter gestellte Schichten nach wie vor besonders unzugänglich darstellt (vgl. HIS 2008 u. 2011, BMBF 2010). Im Verhältnis zum allgemeinen gesellschaftlichen Querschnitt sind Kinder aus nicht-akademischen Haushalten im deutschen Hochschulsystem unterrepräsentiert (vgl. HIS 2011: 43; BMBF 2010: 123, Kemper et al. 2010) und brechen darüber hinaus ihr Studium häufiger ab (vgl. BMBF 2010: 112; BMBF 2003: 48). Traditionell weisen besonders Studiengänge, die mit einem Staatsexamen abschließen, eine besonders geringe Beteiligungsrate von Studierenden aus niedrigen sozialen Herkunftsgruppen auf (vgl. BMBF 2011: 133ff.). Hierzu zählt auch das Fach Rechtswissenschaft. Um dem entgegentreten zu können, fehlen empirische Erkenntnisse über die Studienerfahrungen von Studierenden aus nicht-akademischen Elternhäusern. Diesem Forschungsdesiderat möchte sich das hier skizzierte Vorhaben widmen.

Eine erste interessante Perspektive auf den Untersuchungsgegenstand bieten Modelle der U.S.-amerikanischen Student-Retention-Forschung (bspw. Spady 1970, Tinto 1975 u. 1993). Diese untersuchen die Beziehungsqualität zwischen Studierenden und ihren Hochschulen und analysieren insbesondere die Gründe für den Studienabbruch. Während diese Modelle ihren Blick tendenziell eher auf die einzelnen Studierenden richten, fokussiert das Konzept der institutionellen Diskriminierung (bspw. Gomolla/ Radtke 2003, Hormel 2007) die „institutionellen settings“2 (Gomolla 2010: 61) von Benachteiligungen und sucht dort nach möglichen Ursachen von sozialer Undurchlässigkeit. Um die Verschränkungen zwischen Studierenden und den ausgewählten Fachkulturen in das Zentrum des Forschungsprojekts zu rücken, bezieht sich das Vorhaben auf das Habitus- und Feldkonzept von Pierre Bourdieu.

Im Kontext dieses Forschungsvorhabens stellt sich die Frage, inwiefern sich in den durch die Studierenden wahrgenommenen Fachkulturen eine Sensibilität oder Unsensibilität der ausgewählten Hochschulen gegenüber studentischer Diversität widerspiegelt. Deswegen wird das Konzept des Diversity Managements im Hinblick auf das genannte Forschungsfeld durchleuchtet und nach Möglichkeiten befragt, um Benachteiligungen in Fachkulturen an Hochschulen entgegenzuwirken sowie Diversität wahrzunehmen und nachhaltig zu berücksichtigen.

Neben der Charakterisierung der rechtswissenschaftlichen Fachkulturen liegt ein wesentliches Ziel dieser Arbeit darin, über eine komparative Analyse und eine mehrdimensionale Typenbildung zu Erkenntnissen über Erfahrungsmuster von Studierenden aus nicht-akademischen Elternhäusern zu gelangen und diese in ihren Verschränkungen mit der jeweils vorgefundenen Fachkultur darzustellen.

Fußnoten:
(1) d.h. weder Mutter noch Vater verfügen über ein abgeschlossenes Hochschulstudium (in Anlehnung an das Konstrukt der „sozialen Herkunftsgruppen“, das seit 1982 Verwendung in den Sozialerhebungen des Deutschen Studentenwerkes Verwendung findet, vgl. BMBF 2010: 563 f.)

(2) hierunter versteht Mechthild Gomolla rechtliche und organisatorische Rahmenbedingungen, die Arbeitskulturen in einzelnen Organisationen und das professionelle Handlungswissen der Akteure. (vgl. Gomolla 2010: 61)

Inter-/Disziplinäre Zuordnung: Bildungswissenschaft, Organisationskulturforschung, qualitative Sozialforschung

Stichworte: Hochschulforschung, Bildungsforschung, Intersektionalität, Soziale Ungleichheit, Bildungsungleichheit, Diversity Management

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